Nähe

Na, das konnte ja jetzt nicht ausbleiben. Absolutes worst-case-Szenario: du hast dich verliebt. Zugegeben, das ist jetzt echt blöd. Denn nun steht dein Echtsein richtig auf dem Prüfstand. Bis gestern warst du dir sicher, dich bzw. dein Echt ganz gut im Griff zu haben. Fallweise natürlich auch andersherum, sprich, du hattest das Gefühl, dass dein Echt dich ganz gut im Griff hatte. Alles hat gepasst. Klappe immer offen, dies gemacht, jenes gemacht, alles so schön echt hier.

Und dann das: du verliebst dich. Großes oh Gott, großes oh jemine. Und du stellst dir die Frage, wie das jetzt weitergeht mit deinem Echtsein. Fallweise stellst du dir auch die Frage, ob das überhaupt weitergehen kann. Das mit deinem Echt. Denn schließlich magst du den anderen. Sehr. Und würdest auch gerne Zeit mit ihm verbringen. Doch es ist dir einfach nicht klar, ob das dann was wird mit euch beiden. Um jetzt mal gleich auf den Punkt zu kommen:

Dein echt ist deine einzige Möglichkeit, um etwas echtes auf die Beine zu stellen.

Denn machst du jetzt hier, also gleich zu Anfang, die Mimikry-Nummer, dann habt ihr beide schon verloren. Du dein echtes Sein, der andere deine Ehrlichkeit.

Und genau an dieser Stelle darfst und kannst du dich entscheiden: Alles geben oder nur einen Teil davon. Oder vielleicht dann noch nur einen winz-mini Teil? Bevor du hier weiterrätseltst: am besten bist du so wie immer. Versuch‘ das mit dem Verstellen erst gar nicht. Denn dann geht es dir wie vielen anderen: die haben sich gleich bei der Bewerbung so derartig angepasst, dass sie jetzt nicht mehr so einfach aus dieser Nummer herauskommen.

Die gehen da jetzt tagein, tagaus rein, ziehen sich morgens ihr „Tarn-Mäntelchen“ über und sind froh, wenn sie’s am Abend wieder ausziehen können.

Also alles in allem sehr anstrengend und nicht wirklich sinnschwanger. Dann doch lieber gleich zu Anfang Farbe bekennen, als den anderen zu täuschen. Der merkt das sowieso und dann geht er. Was irgendwie ein Glücksfall wäre. Schlimmstenfalls bleibt er und ihr arrangiert euch mit der ich-tu-jetzt-mal-ob-Nummer. Dann kommt irgendwann die Zeit mit der Zahnpastatube. Bei der geht es selbstverständlich nicht um die Tube an sich, denn dann würde der Ankauf einer zweiten Tube die Diskussion ja ganz schnell beenden. Da geht es dann darum, dass ihr von irgendetwas anderem genervt seid. Du wahrscheinlich von deinem nicht-ganz-echt sein, der andere wahrscheinlich von seinem nicht-ganz-echt-sein.

Minus mal minus gibt in diesem Fall aber nicht Plus, sondern bleibt Minus.

Das kannst du drehen und wenden, wie du willst, es änderst sich gar nix, das Minus bleibt. Das gilt für deine privaten Beziehungen genauso wie für deine beruflichen Beziehungen. Wenn du also Nähe möchtest, richtige Nähe und nicht diese als-ob-Nummer, dann brauchst du schon ein bisschen Mut. Den brauchst du aber immer, wenn es dir um dein ECHT geht und wenn es dir wirklich wichtig ist. Viel Mut brauchst du aber nur zu Anfang, wenn du dein Echtsein sein übst.

Wenn du mit deinem Echt dann einigermaßen vertraut bist, dann brauchst du nicht mehr viel Mut. Dann reicht Mut.

Und nein, es gibt keine Garantie dafür, dass dir dein jetziges Umfeld erhalten bleibt. Genauso wenig gibt es eine Garantie dafür, dass du deinem Umfeld erhalten bleibst. Nö, vergiss es, das Argument, dass du Angst vor dem Alleinsein als Konsequenz  von  deinem echt  hast. Angesicht der
7,34 Milliarden Menschen, die laut statista.com auf diesem Planeten leben, kann das nicht so richtig überzeugen. … Komm‘, sei doch einfach mal angstfrei. Überrasch dich mit deinem eigenen Mut. Denn warum sollten echte Menschen Angst vor echter Nähe haben? Den ersten Schmerz haben wir hinter uns, den haben wir überlebt. Und Überleben ist doch schon mal ein guter Grund, um nicht mehr ganz so nähe-ängstlich zu sein. Oder? Komm‘, trau dich.

SEI. EINFACH. ECHT.

1 Kommentar

  1. Kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. In meiner Partnerschaft hat es Wunder bewirkt echt zu sein.. und ja, auch erstmal eine Ehe, meine eigene, „zerstört“. Besser gesagt enttarnt.

    Zitat von oben:“die haben sich gleich bei der Bewerbung so derartig angepasst, dass sie jetzt nicht mehr so einfach aus dieser Nummer herauskommen.“ so wars bei mir und ich hab mich sogar vor mir selbst versteckt. Sollte man lassen…….

    Wenn man dann beginnt zunehmend echt zu werden, bin ich zumindest, im Beruflichen an dem Punkt, in dem man zwar unangepasst ist, aber auch noch keine Blaupause für seine eigene Echtheit hat, weil man ja Jahrelang Mimikri praktiziert hat, aufs falsche Pferd gesetzt hat und „das Falsche“ gelernt hat.
    Und ja, es ist richtig das man Mut braucht, weil Vieles sich ändert. Und ich für meinen Teil, steh da auch manchmal sehr bedröppelt mitten auf dem Marktplatz und werde nass, weiss aber nicht wo ich mich unterstellen soll. Aber es ist auch geil, weil, wenn man nass wird, dann spürt man auch was und das ist dann sehr echt……und nicht schlimm.

    Grüße Martin Reyscher

    Kommentar absenden

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>