Bedürfnisse

Gestern frisch eingetroffen. Die Diskussion darüber, was die Begriffe Bedürfnis und Bedürftigkeit bedeuten. Wir können uns für den einfachen Zugang entscheiden und ein hübsches drittes Wort hinzunehmen. Und das lautet der Bedarf.

Wie hängt nun der Bedarf mit dem Bedürfnis und der Bedürftigkeit zusammen? Ganz einfach: du hast Bedarf an Wasser und Seife, denn damit kannst du dir dein Bedürfnis nach Sauberkeit erfüllen. Du hast das Bedürfnis danach, deinen Körper zu pflegen? Okay, dann hast du den Bedarf nach einem entsprechenden Pflegemittel. Du hast das Bedürfnis nach Nähe? Gut, wie auch schon bei Wasser und Seife:

Dein Bedürfnis bedingt deinen Bedarf.

Oder anders formuliert: damit eines deiner Bedürfnisse erfüllt werden kann, bedarf es bestimmter Voraussetzungen. So weit, so klar? Sollte so sein, denn bis hierher handelt es sich um ein normale Sache, die wir permanent „haben“. Aus einem Bedürfnis leitet sich der Bedarf ab. Wie schaut es aber nun mit der Bedürftigkeit aus? Die Bedürftigkeit leitet sich aus einem Gefühl des Mangels ab und formuliert so nette Dinge, wie zum Beispiel: „Wenn ich den richtigen Partner gefunden habe, dann werde ich glücklich sein.“ Eine sehr schöne BeziehungsHypothek: Tauche auf und mach‘ mich glücklich. Wenn es glücklich zugeht, wir das nicht lange gutgehen und einer von beiden steigt aus. Wenn es etwas weniger glücklich zugeht, dann zahlen wir diese Hypothek so lange ab – oder versuchen es wenigstens – bis wir unser Zufriedenheits- und Ruhe-Konto derartig ins Minus gebracht haben, dass wir schon eine ganz bestimmte Form von Schuldnerberatung brauchen, um wieder ins Plus zu kommen.

Manche von uns tappen ja ganz gerne in dieses kleine Fettnäpfchen, das sich bereits nach kurzer Zeit als großer Fettbottich entpuppt. Die permanente und stille Anforderung eines anderen, die da lautet: „Los, mach, dass es mir gutgeht.“ Kommt in beruflichen Situationen genauso vor wie in privaten. Und wenn wir daran wirklich richtig gut sind, stets die Forderung und Anforderungen von anderen in unseren Mittelpunkt zu stellen, dann können wir uns sicher sein: Gelernt ist gelernt.

Doch jetzt sind wir erwachsen und wir stellen fest: bei uns stimmt etwas nicht, irgendetwas läuft nicht ganz rund. Oder findest du es normal, wenn du permanent lieferst, lieferst und nochmal lieferst, aber nie die Frage hörst, was dir denn gerade guttun würde, was denn gerade dein Bedürfnis ist? Im Prinzip ist die Sache ganz einfach, denn wenn wir uns oft in dieser Bedürfnisfalle wiederfinden, also immer wieder, wieder und wieder da hineinlaufen, spätestens dann ist es an der Zeit, klar hinzuschauen. Nee, nicht durch die rosarote Brille, sondern durch die klare Brille. Die, die wirklich sehen will, ohne sich etwas vorzumachen. Falls du gerade keine von diesen Klarheits-Brillen zur Hand hast, dann macht das nichts, ist nicht so schlimm. Nimm‘ dann einfach die nächsten Sätze, die hier folgen: Wenn du für jemand anderen immer mehr tust, als es dir gerade guttut, wenn du dich also nicht von deinen Bedürfnissen führen lässt, sondern von den Bedürfnissen und der Bedürftigkeit des anderen, dann wird’s wohl so sein, dass das mit dir und deinen Bedürfnissen noch nicht ganz in Ordnung ist. Jedenfalls nicht so richtig. Wenn du permanent etwas gibst und dich selbst dabei vergisst, dann glaubst du wahrscheinlich, dass der andere das notwendiger braucht als du.

Das ist wie mit diesem Platz anbieten: denken wir an die Momente, als wir aufgestanden sind, um jemand anderen den Platz anzubieten. Da war klar: wir möchten diesen Platz gerade anbieten. Aus Gründen der Höflichkeit und aus dem sicheren Gefühl heraus, dass jemand anderer diesen Platz gerade dringender braucht als wir selbst. So weit, so gut. So weit, so Platz. Doch wenn wir permanent den „Platzbedarf“ von anderen erfüllen, weil wir unsere eigenen Platz- und Raum-Bedürfnisse gar nicht auf dem Schirm haben, dann ist das einfach nicht gut. Denn schon läuft sie sich in Schwung, die Drehscheibe der Bedürftigkeit. Doch hätten wir genug Achtsamkeit und genug Selbstliebe für uns, dann würden wir zuerst einmal auf uns schauen. Dann würden wir zuerst uns selbst retten, anstatt in der Welt herum zu rasen und die retten zu wollen. So, wie können wir diesen Kreislauf nun verlassen? Training, Training und nochmals Training. Und in der Aufwärmphase können wir uns einfach mal fragen:

„Kenne ich meine Bedürfnisse? So richtig?“

Und wenn wir dann feststellen, dass wir ganz gut den Bedarf, das Bedürfnis und die Bedürftigkeit von anderen zufriedenstellen, uns aber im Eifer leider nie nach unseren eigenen Bedürfnissen gefragt haben, spätestens dann können wir überlegen, wie das denn wohl weitergehen wird. Jahresende ist immer schön für solche Fragen, denn dann gibt es einen konkreten Zeitrahmen, auf den wir uns beziehen können. Also komm‘, alles kein Drama, nur ein paar klitzekleine Fragen:

Wie oft hast du in den letzten 12 Monaten für dich und deine Bedürfnisse gesorgt?

Wie oft war dir klar, wie und wo es sich um Bedarf, Bedürfnis und Bedürftigkeit drehte? Egal, wie unsere Antworten ausfallen, eines dürfte klar sein: auch unsere Bedürfnisse gehören zu uns. Sie gehören zu unseren Weihnachtswünschen, zu unseren Wünschen für das nächste Jahr, zu unserem Wunsch nach dem:

SEI. EINFACH. ECHT.

 

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